In Ingolstadt wurde kürzlich ein Mehrfamilienhaus mit 15 Wohnungen vorgestellt, das ganz ohne klassische Heizungs- oder Klimaanlage auskommen soll. Stattdessen setzt man auf besonders energieeffiziente Fenster, hohe Speichermasse in Wänden und Decken und automatische Lüftung. Dieses Bauprojekt wirft spannende Fragen auf: Wie weit sind wir wirklich von gebäudetechnischen Wundern entfernt – und was steckt hinter dem Konzept?
1. Das Konzept: Heizen durch Glas, Sonnenlicht und selbst erzeugte Wärme
- Das Haus verzichtet auf eine zentrale Heizanlage bzw. Heizkörper. Stattdessen wird die Wärme über die Kombination aus Sonnenenergie, der Abwärme der Bewohner:innen und elektrischen Geräten genutzt.
- Die Fenster sind tief in die Fassadenstruktur integriert. Dadurch können sie im Winter als passive Solargewinn-Elemente wirken (Sonnenlicht fällt weit ins Innere) und zugleich im Sommer durch Verschattung und konstruktive Maßnahmen Überhitzung vermeiden.
- Sensorik überwacht Parameter wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO₂-Werte. Bei Bedarf öffnen sich automatisch kleine Fenster, um zu lüften und Temperatur auszugleichen.
- Durch die massive Bauweise mit Ziegeln und Beton wird Wärme gespeichert und im Gebäude verteilt. So entsteht ein stabiles Temperaturgleichgewicht.
2. Die Vorteile: Wo liegen die Potenziale?
- Energieeinsparung: Wenn das Konzept funktioniert, könnten Heizkosten nahezu null werden – insbesondere bei guter Dämmung, intelligenter Steuerung und hochwertigen Bauteilen.
- Klimaschutz: Solche Gebäude benötigen weniger fossile Energie und können damit einen Beitrag zur Energiewende leisten.
- Innovationspotenzial: Das Projekt ist als Pilotbau konzipiert und wird vom Freistaat Bayern gefördert. Es könnte Vorlage oder Impulsgeber für künftige Bauprojekte sein.
- Wohnkomfort: Durch automatische Lüftung und smarte Steuerung kann ein angenehmes Raumklima erreicht werden, ohne dass Bewohner:innen ständig manuell regulieren müssen.
3. Die Herausforderungen: Was spricht dagegen?
- Systemkomplexität: Funktioniert die Automatik nicht zuverlässig (z. B. Sensorfehler, Verstopfungen), kann es zu Über- oder Untertemperaturen kommen.
- Baukosten: Solche technischen und konstruktiven Lösungen sind oft teurer als herkömmliche Gebäude, vor allem in der Pilotphase.
- Fensterqualität & Dichtigkeit: Die Fenster müssen extrem hochwertige Isolierung, Abdichtung und Glastechnik aufweisen, um Wärmeverluste zu vermeiden.
- Wartung und Betrieb: Sensorik, Steuerung, Mechanik und Lüftungsöffnungen brauchen regelmäßige Wartung.
- Wetterabhängigkeit: In schwachen Sonnenperioden oder in Regionen mit wenig Sonneneinstrahlung kann das System an Effizienz verlieren.
4. Bedeutung für Energieberatung und Weiterbildung
Für Energieberater:innen, Baubetreuer:innen und Ausbilder im Bereich nachhaltiges Bauen eröffnen solche Projekte neue Themenfelder:
- Neubauten müssen nicht zwangsläufig klassische Heizsysteme haben – das Wissen über passives Heizen durch Verglasung und Gebäudeschnitt wird relevanter.
- Wer als Energieberater:in in der Weiterbildung unterrichtet, sollte solche innovativen Konzepte thematisieren, damit Teilnehmende zukunftsfähige Kompetenzen erwerben.
- Die Kombination aus Sensorik, Automatisierung und Bautechnik macht interdisziplinäre Kenntnisse notwendig (z. B. Steuerungstechnik + Baustatik + Wärmetechnik).
Fazit:
Das Ingolstädter Pilotprojekt zeigt, dass wir mit technisch hochwertigen Fenstern und intelligenter Gebäudeplanung in Richtung „Heizungsfreiheit“ gehen können – zumindest unter günstigen Bedingungen. Ob sich das Konzept flächendeckend durchsetzt, hängt von Zuverlässigkeit, Kosten und Wartungsanforderungen ab.
Quelle: Chip – „Spezielle Fenster: Neubau in Deutschland braucht keine Heizung mehr“
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